Wie kann eine Blutungsstörung Gelenkschäden verursachen?

Viele Erwachsene mit schwerer Hämophilie in Kanada haben bleibende Schäden an einem oder mehreren Gelenken. Als sie Kinder waren, war die Behandlung weniger weit fortgeschritten.Eine vorbeugende Behandlung mit regelmäßigen Blutgerinnungsfaktor-Infusionen (Prophylaxe) wurde nicht routinemäßig verordnet, Heimselbstbehandlungs-Programme gab es so gut wie gar nicht und Gelenkblutungen wurden weniger gut kontrolliert.

Die Prophylaxe hilft heute schon in sehr jungen Jahren, Blutungen und Gelenkschäden vorzubeugen. Dieser vorbeugende Behandlungsansatz hat die Chancen von Kindern, das Erwachsenenalter zu erreichen, ohne ernsthafte Gelenkerkrankungen zu entwickeln, erheblich verbessert. Viele Kinder mit Hämophilie wachsen in Deutschland mit fast normalen Gelenken auf.

Die Prophylaxe verringert zwar die Häufigkeit und den Schweregrad von Blutungen und frühzeitigen Gelenkschäden, verhindert jedoch nicht alle Blutungen. Wenn die Blutung anhält und nicht umgehend kontrolliert wird, kann es zu einer frühen Gelenkschädigung kommen. Wiederholte Blutungen können zu dauerhaften Gelenkschäden führen.

Jede Blutung ist anders. Einige brauchen länger, um überwunden zu werden, und manchmal scheinen ausgerechnet die am längsten anhaltenden Blutungen nicht die schlimmsten zu sein. 

Blutungen in die Gelenke und Muskeln sind bei Menschen mit Hämophilie häufig. Diese Blutungen können auf drei Arten zu Gelenk- oder Muskelschäden führen:

  • Gelenkschäden können auftreten, wenn Blutungen in die Gelenkhöhle gelangen. In einigen Fällen können Gelenkschäden nach einer größeren Gelenkblutung auftreten. Häufig ist eine Gelenkschädigung das Ergebnis großer oder wiederholter Blutungen über einen längeren Zeitraum.
  • Nach einer Gelenkblutung kann die Gelenkschleimhaut (Synovia) mehrere Wochen lang entzündet bleiben. Dies nennt man akute Synovitis. Eine entzündete Synovia kann sehr leicht wieder bluten und eine neue Blutung hervorrufen, bevor die erste Blutung die Chance hatte, vollständig zu heilen.
  • Muskelblutungen können, wenn sie nicht richtig behandelt werden, zu Narbenbildung und zum Verlust der Flexibilität der Muskeln führen. Dies kann die in der Nähe befindlichen Gelenke zusätzlich belasten und sie einem Blutungsrisiko aussetzen.

Einige Gelenke sind häufiger von Blutungen betroffen als andere. Die Gelenke, die am häufigsten bluten, sind die Knie, Knöchel und Ellbogen. Dies sind Scharniergelenke, die vor seitlichen Belastungen kaum geschützt sind.

Schulter und Hüfte hingegen sind Kugelgelenke. Sie können sich verletzungsfrei in viele Richtungen bewegen, da sie durch große Muskeln gut geschützt sind.


AutorInnen:

Pamela Hilliard, B.Sc. (PT), Physiotherapist, Comprehensive Care Hemophilia Program, The Hospital for Sick Children, Toronto, Ontario

Kathy Mulder, B.P.T. Physiotherapist, Bleeding Disorders Program, Children’s Hospital, Winnipeg, Manitoba

Übersetzter Auszug aus: `All About Hemophilia – A Guide for Families‘, © Canadian Hemophilia Society, 2010

Wir danken der `Hemophilia Society Canada‘ für die großzügige Genehmigung, das Buch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machen zu dürfen.

Übersetzung durch Yves Douma, Medical Writer der CRC GmbH, Duisburg